Unser Buch des Monats:

Dmitrij Kapitelman

Das Lächeln meines unsichtbaren Vaters
Roman, Hanser Verlag 2016

Gebunden, 288 Seiten

20,00 Euro

Bevor Dmitrij Kapitelman und sein Vater nach Israel aufbrechen, beschränkten sich ihre Ausflüge auf das örtliche Kaufland – damals in den Neunzigern, als sie in einem sächsischen Asylbewerberheim wohnten und man die Nazis noch an den Glatzen erkannte. Heute verkauft der Vater Pelmeni und Krimsekt und ist in Deutschland so wenig heimisch wie zuvor in der Ukraine. Vielleicht, denkt sein Sohn, findet er ja im Heiligen Land Klarheit über seine jüdische Identität. Und er selbst – Kontingentflüchtling, halber Jude, ukrainischer Pass – gleich mit.

Dem Autor ist hiermit ein berührendes Debüt geglückt, das mit seiner Vielschichtigkeit zu beeindrucken weiß: Mal zart, mal derbe komisch, dabei oftmals auch unerwartet ins Tragische wechselnd, und stets mit großen Vergnügen am Paradoxen beschreibt der Erzähler eine turbulente Reise von Deutschland nach Israel, die ihn letztendlich zu einem besseren Verständnis seiner eigenen Exsitenz führt.

Dieser Roman, der mit Leichtigkeit, Witz und Verve große Fragen berührt - nach Herkunft, Identität, Zugehörigkeit und Entwurzelung - dabei zugleich eine anrührende Liebeserklärung eines Sohnes an seinen Vater formuliert, sei allen LeserInnen von Lily Brett, Benedikt Wells und Thomas Meyer ans Herz gelegt!


Hédi Kaddour

Die Großmächtigen

Hédi Kaddour

Die Großmächtigen
Roman, Aufbau Verlag 2017

Gebunden, 477 Seiten

24,00 Euro

Nordafrika in den 1920er Jahren: Die Gesellschaft ist geteilt. Die Franzosen als Kolonialmacht auf der einen, die Nordafrikaner auf der anderen Seite. Im Mittelpunkt des Romans steht das Örtchen Nahbes, durch das sich diese Trennung fast wie ein roter Streifen zieht.
"Die Großmächtigen", das sind die Franzosen, die sich mit ihren Treffen und Gesellschaften ihrer geistigen und kulturellen Überlegenheit sicher sein wollen - die Imperialisten, die von einem Großfrankreich auf beiden Seiten des Mittelmeers träumen.

Gegenübergestellt werden ihnen traditionsbewusste, konservative Nordafrikaner, aber auch nicht zuletzt ein amerikanisches Filmteam, das ein Wüstendrama im Ort drehen will und die gerade gezogenen Linien der Nahbeser Gesellschaft verwischt. Da ist ein amerikanischer Schauspieler, der die Frauen zum Träumen bringt, da sind Partys statt gesellschaften, zu denen sowohl Franzosen als auch Afrikaner eingeladen werden.

Und nebenbei verläuft das Leben einer jungen Witwe, die sich vom engen Kostüm der Traditionen lösen will.

In Hédi Kaddours Roman geht es um Gesellschaft, Nationalität, Kolonialismus, Emanzipation - auf jeden Fall den Versuch.

Der Sprachstil des französischen Autors ist klar und schnörkellos, dadurch jedoch keineswegs weniger mitreißend. Seine Figuren bewegen sich von Nordafrika über Frankreich bis nach Deutschland als Folge des Krieges. Durch diese Wenden zeichnet sich ein interessanter Perspektivenwechsel ab - eine absolute Empfehlung für politisch-gesellschaftlich und geschichtlich-kulturell Interessierte.